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Artikel
Anarchisten der Bourgeoisie

Vorweg. Eine linke Kritik an der Außenpolitik der Chavez-Regierung und auch an vielen Aspekten der Innenpolitik, wie die fortdauernde Wachstumsideologie ist erforderlich.
Doch das Interview mit einem Vertreter der Zeitschrift Liberio gehört sicher nicht dazu. Hier spricht die Stimme der Kinder jener venezolanischen Oberschicht, die seit 1999 zunehmend zurückgedrängt wurden. Es ist sicher nicht einmal falsch, dass sich der Interviewpartner subjektiv als Anarchist versteht. Doch dazu müsst der Leser wissen, dass es in Venezuela zwei anarchistische Tendenzen gibt, die verfeindet sind.

 

Die eine wird von dem Liberio-Vertreter gut repräsentiert. Die Kinder der Oberschicht, die ein vages Freiheitsgefühl haben. Ihre anarchistischen Treffpunkte finden sich in den Viertel der Reichen in klimatisierten Einkaufszentren. Sie komm. in der Regel nicht nur aus der Oberschicht sondern verteidigen wie selbstverständlich deren und ihre Privilegien. So ist ist es für sie selbstverständlich, die Universität zu besuchen und dann in die akademischen Berufe, die bisher auch dieser Oberschicht vorbehalten waren, aufzusteigen. Aus diesem Grunde sind sie Antipoden des bolivarianischen Bildungssystems, das mit besonderen Schulen Kindern aus den Barrios die Möglichkeit gibt, ihre Ausbildung zu machen und nachher als Mediziner, Lehrer etc. zu arbeiten. Damit werden sie zu direkten Konkurrenten der Oberschichtskinder, die mit wütenden Demonstrationen auf den Verlust ihrer privilegierten Stellung reagierten. Die Studentendemos, die von ihnen organisiert wurden, zeichneten sich tatsächlich durch eine große Militanz aus und die Bourgeois-Anarchisten a la Liberio waren da an der vordersten Front. Aber es ging eben dabei um nichts anderes als die Verteidigung eines Bildungsprivilegs für die venezolanische Oberschicht, der sie auch angehören.

 

Programm der Konterrevolution

Der Liberio-Vertreter kündigte in dem Interview an die „ pseudo-re „Wir wollen die pseudorevolutionären Betrügereien, die von der Chávez-Regierung eingeführt wurden, eine nach der anderen abschaffen und sich gleichzeitig den Einfluss und die Praxis der alten politischen Parteien entgegen stellen“ zu wollen.

 

In diesem Satz ist das gesamte Programm der Konterrevolution im Gewand des Anarchismus skizziert. All die Maßnahmen, die tatsächlich den breiten Schichten der Bevölkerung Verbesserungen brachten und der alten Macht besonders zuwider waren, werden hier als pseudorevolutionär“ bezeichnet und sollen sofort abgeschafft werden, Das hat übrigens die Clique, die 2002 für kurze Zeit in Venezuela nach dem Militärputsch und der Verschleppung von Chavez die Macht ergriffen hat, sofort per Dekret ins Werk gesetzt. Die Massen der Armen aus den Barrios haben bekanntlich diese Pläne durchkreuzt. Die Bourgeoisie-Anarchisten haben allein keinerlei Möglichkeiten ihre Pläne durchzusetzen. Eine Gefahr sind sie lediglich dadurch, dass sie das neue, junge Gesicht der Konterrevolution sind und manche in der Welt täuschen können, wie die GenossInnen der FAU. Das Bekenntnis, sich den alten politischen Parteien entgegenstellen zu wollen¸ passt in dieses Kalkül. Die alten politischen Parteien sind nämlich nach dem gescheiterten Putsch und den ebenfalls im Desaster endenden Unternehmerstreik in Venezuela derart diskreditiert, dass neue Gesichter und neue Konzepte gesucht wurden. Die verbale Ablehnung der alten Parteien und Cliquen ist in den letzten Jahren in der venezolanischen Opposition Konsens. Erst in diesem Kontext bekamen die anarchistischen Kinder der Bourgeoisie ihre Chance. Der Studierendenstreik für den Erhalt der Privilegien der Oberschicht war die Premiere für eine neue Form der Opposition, die auch im Ausland den Eindruck vermitteln sollte, hier habe eine Generation das Zepter übernommen. Doch mögen sich die Opponenten auch noch so anarchistisch und jung geben, sie treten als Verteidiger der alten Herrschaftsschicht auf. So wollen sich die Bourgeoisie-Anarchisten in dem Interview als Verteidiger der Arbeiter aufspielen, die sie wieder in die alte Position der Ausbeutung und Unterdrückung zurückstoßen wollen. Sie arbeiten mit plumpen Lügen, wenn sie die von der politischen Rechten verübten Morde an linken Gewerkschaftern der bolivianischen Regierung in die Schuhe schieben wollen. Es gab in Venezuela in der Vergangenheit auch Morde an Aktivisten von Landarbeiterorganisationen und anderen aktiven Linken, die die Spielräume nutzten, die in den letzten Jahren in Venezuela durch die bolivarianische Revolution entstanden sind. Die Konterrevolution verfolgt damit zwei Ziele: Einschüchterung und Ausschaltung von politischen AktivistInnen und Destabilisierung der linken Regierungen. Dieses Konzept wurde 1973 in Chile ebenso angewandt, wie jetzt in Venezuela. Nach demselben Rezept wird jetzt auch in Venezuela gearbeitet und die Liberio ist ein wichtiger Baustein dabei. Unter der Flagge des Anarchismus ist sie dabei eine wichtige Kraft der Konterrevolution in Venezuela.

 

Für einen Anarchismus der Barrios

Es geht mir nun keineswegs um ein Anarchisten-Bahing. Im Gegenteil. Es gibt in Venezuela eine anarchistische Bewegung, die in den Barrios verankert und in den dortigen Basisstrukturen aktiv ist. Auch diese Bewegung spart nicht mit Kritik an Chavez. Doch deren Position lautet: Wir waren vor Chavez im Widerstand aktiv, wir werden auch ohne ihn im Widerstand sein. Allerdings würden sie anders als die Bourgeoisie-Anarchisten niemals die Rücknahme der sozialrevolutionären Maßnahmen fordern, es würde ihnen auch nicht einfallen, diese als pseudo-revolutionäre Betrügereien zu denunzieren. Der Grund ist ganz einfach. Diese Basis-Anarchisten sind Teil der Barrio-BewohnerInnen, die sehr wohl wissen, dass viele der von der Chavez-Regierung umgesetzten Maßnahmen von unten erkämpft wurden und dass sie reale Verbesserungen für viele Menschen bedeuten. Es ist nicht verwunderlich, dass in dem Liberio-Interview diese Basisstrukturen überhaupt nicht erwähnt wurden. Die Welt der Bourgeoisie, auch die ihrer anarchistischen Kinder und die Welt der Barrios ist in Venezuela total getrennt. So getrennt sind auch die Bourgeoisie- und die Barrio-AnarchistInnen. Und die Wege dürften sich im Ernstfall noch viel mehr trennen. Es dürfte nur eine Frage von einigen Jahren sein, bis Vertreter der Bourgeoise-Anarchisten im Ausland als das junge Gesicht des Anti-Chavez-Widerstand präsentiert werden. Die Barrio-Anarchisten hingegen werden mit vielen anderen Gruppen die bolivarische Revolution vorantreiben, auch über die Absichten der Regierung hinaus.

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Fragmente über die Tage, die Teheran erschüttern
Das System der iranischen Theokratie, das sich als „Islamische Republik" bezeichnet, hat sich in eine verzweifelte Lage manövriert. Seit der Wahlfarce vom 12. Juni ist ein unverhüllter Machtkampf ausgebrochen, in dem die diversen Fraktionen des Regimes auf Leben und Tod gegeneinander und zugleich gegen die radikaleren Manifestationen der gesellschaftlichen Unzufriedenheit antreten. Die tieferen Gründe dieser für die Grundlagen des Systems desaströsen Entwicklung liegen in dem durch die ökonomische Krise und den Verfall des Ölpreises eingeschränkten Verteilungsspielraum des Regimes: Der von der Theokratie verwaltete Rentiersstaat kann die Schaffung breiter Loyalität durch die Verteilung der Ölrente nicht mehr gewährleisten. Erste Anzeichen dafür waren bereits die Benzinriots vor zwei Jahren, die in der Verwüstung von Tankstellen und Straßenkämpfen kulminierten. Alle Widersprüche, die das theokratische System prägen, liegen nunmehr offen zutage.
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